Podcast über die Zukunft der Zukunft
FFS01E03 – Wie entsteht aus Kunst unsere Zukunft, Herr Weibel?

FFS01E03 – Wie entsteht aus Kunst unsere Zukunft, Herr Weibel?

IN DIESER FOLGE

In Folge 3 stelle ich mir die Frage: Inwiefern thematisiert Kunst Zukunft? Sience Fiction lege ich dabei erst mal zur Seite, denn darüber werden wir noch ausführlich sprechen. Ich versuche erst mal historisch zu werden, scheitere aber an fehlenden Interviewpartnern. Dann wird mir Peter Weibel empfohlen, der sich mit mir ausführlich darüber unterhält, wie Zukunft in der Kunst überhaupt zugegen sein kann. Ein Augenöffner.

Schon von außen merke ich: das ist eine besondere Ausstellung. Die zwei großen Schaufenster sind mit handschriftlichen Notizen beschriftet, links steht wie mit einer Programmiersprache geschrieben:
CREATED BY > KENNY SCHACHTER
BREADCRUMBS: { ART IN THE AGE OF NFTism }

Frau Müller führt mich am 8. Juli 2021 durch die Ausstellung Breadcrumbs: “Art in die Age of NFTism” in der Kölner Gallerie Nagel Braxler.

Ich trete ein, auch hier sind die Wände überzogen von Notizen, wie ich später lerne, Notizen des Kurators Schachter über NFTs. “Eigentlich ist das ein ziemlicher White Cube,” erklärt mir Frau Müller, die mich durch die Ausstellung führt. Jetzt an den Wänden: Monitore, Gemälde, Prints. Und überall die Notizen. Ein Teil der Gallerie ist mit einer roten Folie beklebt auf denen Text-Passagen zu lesen sind. Jetzt ist das eine Ausstellung, die sich mit NFTs auseinander setzt.

Non-Fungible Tokens, in der Kunstszene und bei den Cryptonerds gerade das große Gesprächsthema, weil sich zum Einen erstaunlich viel Geld damit verdienen lässt. Jack Dorsey verkaufte so Twitters ersten Tweet für 2,9 Millionen Dollar, Memes wie das Disaster Girl Meme brachten 401.718 Dollar ein. Es ist aber auch eine Plattform auf der Marktplätze aufsetzen und vielleicht endlich eine Möglichkeit bitene Einzigartigkeit im digitalen Raum herzustellen.

Und so erklärt mir Frau Müller für diese Episode einzelne Ausstellungstücke. Da gibt es das Werk von Anna Riddler. Drei große, vertikale Monitore, auf denen mit Machine Learning generierte Tulpen wachsen und sich basierend auf dem Bitcoin-Kurs verändern. Eine Anspielung an die Tulpenmanie aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, in der Tulpen zu einem Spekulationsobjekt wurden und schließlich zum Platzen der ersten Spekulationsblase führte.

Theo Triantafyllidis zeigt sein Computerspiel “Pastoral” in dem man eine androgyne, muskelbepackte Person im Lendenschurz wie in einem Open-World-Rollenspiel über ein Feld laufen lassen kann. An einem Baum spielt eine fabelhafte Figur Musik. Triantafyllidis hat auch einen Teppich mit dem Computerspiel-Charakter geknüpft.

Von Eva Berensin hängt ein Selbstportrait inmitten der Gallerie. “Leave me allone” heißt das Werk, dass ganz klassisch mit Öl auf Leinwand entstand und am Ende des Produktionsprozesses steht. Zum Beginn des Prozesses entwirft Berensin auf dem iPad die Motive und animiert sie. Diese sind dann via NFT käuflich. Später überträgt sie das Motiv mit Öl auf die Leinwand und kreiert so ein völlig neues Werk.

Webseite: Nagel Braxler
Webseite: Breadcrumbs: Art in the Age of NFTism


Die Geschichte der Kunst

Für Folge 3 von FutureFuture wolte ich eigentlich historische Kunstwerke finden, die sich mit Zukunft beschäftigen und mit Professoren darüber sprechen. Ganz im Sinne von Staffel 1: Welche Zukunftserzählungen gibt es eigentlich schon? Meine Recherchen führten aber erst mal nirgendwo hin. Dann wurde ich auf Peter Weibel aufmerksam gemacht, künstlerischer Leiter des ZKM, mittlerweile 77 Jahre alt und wie sich dann herausstellt, der perfekte Gesprächspartner.

Peter Weibel ist ein österreichischer Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker und Leiter der ZKM. Unser Gespräch findet am 14. Mai 2021 via Zencastr statt.

In einer Ausstellung des ZKM wird die Geschichte der Zukunft thematisiert, die zu unserer Gesprächsgrundlage wird. Wie konnten diese Werke damals Zukunft thematisieren? Weil sie die Grenzen des Mediums erforschen und sie den Besucher der Ausstellung auf sich selbst zurückwerfen, erklärt mir Peter Weibel. Da gibt es zum Beispiel ein Stück, bei dem der Umriss des Besuchers mit Fliegen dargestellt wird. Was passiert? Der Besucher versteht, das er durch die Fliegen abgebildet wird, da die Fliegen sich bewegen, wenn er sich bewegt. Der Besucher versteht, er ist vergänglich. Dadurch wird er auf seine Sterblichkeit zurückgeworfen und kann sich die Frage stellen: Wie will ich in Zukunft leben? Möglich wurde das Ausstellungstsück damals durch die ersten Videokameras, die man an einen Röhrenmonitor anschließen konnte. Für uns heute nicht unbedingt etwas Neues. Dennoch noch immer funktional. Denn auch heute kann man sich von diesem Werk bewegen lassen. Dafür, so Weibel, brauche es aber die Fähigkeit das zu verstehen, was er den meisten Mensch zuschreibt.

Die Episode wird von meinem Besuch in der Ausstellung bei Nagel Braxler eingerahmt. Als ich durch Weibel verstehe, inwiefern Kunst uns die Zukunft eröffnen kann, nämlich als Zukunftskompetenz, verstehe ich auch, wie ich mit NFTs umgehen kann. Ich kann NFTs als Möglichkeit nutzen die Grenzen der Medien zu erforschen und damit eine Reflektion durchzuführen, inwiefern wir das in Zukunft haben wollen. Brauchen wir eine weitere Möglichkeit auf einem digitalen Tulpenmarkt zu spekulieren? Was kostet uns das? Welchen Wert haben in NFTs gespeicherte Werke?

Webseite: Peter Weibel beim ZKM
Ausstellung: Writing the History of the Future
Webseite: Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe


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